... - Lernumgebung anbieten
Worum es hier grundsätzlich geht
Förderlicher Lernkontext.
Vielfältige Lernzugänge.
Lern-Aufträge (statt Aufgaben).
Die Lernumgebung
Aus meiner Sicht ist es wichtig,
- dass die Lernumgebung für eine längere Lerneinheit installiert bleibt,
- dass Verweilen darin möglich ist,
- dass individuelle Verantwortung gefordert ist,
- dass allein und gemeinsam Lernen Platz findet.
Eine förderliche Lernumgebung ist für mich eine komplexe Dynamik mit verschiedenen Beteiligten:
- mit einem differenzierenden Lernangebot;
- mit begleitenden Lehrpersonen;
- mit einer Gruppe von Peers (eine Lerngruppe, eine Klasse);
- mit strukturierter Zeit;
- mit strukturiertem Raum.
Alle diese Faktoren haben Einfluss auf das Lehr-Lerngeschehen, auf die Lernprozesse der einzelnen Lernenden, auf die Lernatmosphäre.
Das Lernangebot
Das Lernangebot wird je nach Wahl des didaktischen Modells anders aussehen. Wichtig dabei ist, das tradierte Prinzip von „Alle zur gleichen Zeit auf die gleiche Art in gleichem Tempo – das Gleiche mit gleichen Anforderungen“ zu sprengen und individuellere Zugänge zu ermöglichen. Aber Achtung: Solange von allen die gleichen Anforderungen verlangt werden, können die anderen Differenzierungsmöglichkeiten zur Farce werden – Leistungsdifferenzierung ist ein Muss!
Für mich gibt es beim Lernangebot noch ein anderes Ärgerthema: das Gestalten des Angebots hauptsächlich mit Arbeitsblättern. In meinen Lehrerjahren als Berufsanfänger lief auch ich Gefahr, der scheinbaren Attraktivität von Arbeitsblättern (und Aufgabensammlungen) zu verfallen. Meine Auseinandersetzung mit der Freinet-Pädagogik und später mit der Dialogischen Didaktik hat mir aber gründlich die Augen geöffnet. Arbeitsblätter können bloss ausgefüllt (konsumiert) werden, meistens sind sie nach der Bearbeitung durch die Lernenden verdorben. Die Eigenleistung der Lernenden ist eher gering, Differenzierung ist nicht wirklich mitgedacht – und die Dinger heissen nicht zufällig ARBEITSblätter (und nicht LERNblätter). Zur Sozialisation für arbeitsame Pflichterfüller taugen sie wahrscheinlich schon.
Sollte es wirklich um Lernen und Verstehen gehen, dann gestalte ich das Lernangebot vorrangig mit Aufträgen, die auch bloss auf einem Plakat aufgeschrieben und laufend konkretisiert werden können und nicht an alle Lernenden verteilt werden müssen. Diese Aufträge werden von den Lernenden im Journal bearbeitet. Gute Aufträge ermöglichen allen Lernenden einen sanften Einstieg, sind dann fordernd und vom Anspruch her nach oben offen.
Aufträge anstatt Arbeitsblätter! Lernen sichtbar machen im Journal!
Für mich gehört zum Angebot eines förderlichen Lernkontextes die Aufmerksamkeit auf die folgenden Strukturelemente:
Strukturelement „Zeit“
Der sogenannte Stundenplan spielt eine entscheidende Rolle, denn damit wird die Lernzeit strukturiert. Traditionell ist er in Einzel- oder Doppellektionen gegliedert. Dieser Umgang mit Zeit ist vielleicht förderlich für störungsarmen Unterricht, sicher aber nicht für förderliches Lernen. Da braucht es andere Ideen der Zeitstrukturierung als die Gliederung in fachbezogene Lektionen. Besonders für die aktuelle Kompetenzorientierung braucht es offene Zeitstrukturen über Halbtage, Tage und Wochen und Quartale. Auch gibt es absolut keinen Zwang, alle Schulwochen zeitlich und inhaltlich gleich zu strukturieren.
Epochen: Längere Zeiteinheiten/Lerneinheiten und weniger Lerninhalte aufs Mal – Jahresstundentafel anstatt Wochenstundentafel – Kompetenzbereiche anstatt Fächerdenken!
Strukturelement „Raum“
Die Bedeutung der Gestaltung des Lernraums ist offensichtlich. Räume zeigen – auch ohne Anwesenheit von Schülerinnen und Schülern – direkt und klar, was in der Regel nach welchen Grundsätzen darin abläuft: traditionell steht vorn im Raum die „Bühne“, dort, wo sich das Wesentliche abspielt. Die Schülerinnen sitzen ausgerichtet auf die Bühne auf ergonomischen Stühlen vor ergonomischen Pulten/Tischen und konsumieren, was sich auf der Bühne abspielt. Ich wiederhole mich: So lässt sich Unterricht veranstalten, sicher aber nicht förder orientiertes Lernen. Zu meinen etwas zugespitzten Beschreibungen gibt es im Alltag die verschiedensten Variationen, oft mit dem Versuch zu verschleiern, dass das Geschehen wirklich den oben beschriebenen Grundsätzen genügen muss.
Die Schulhaus-Architektur liegt, mit Ausnahme von einigen wenigen tollen Vorzeigebauten, absolut im Argen. Es wird immer noch die tradierte „Grammatik der Institution Schule“ weitergepflegt und zum Beispiel in der Raumaufteilung und in der Möblierung für die jeweils nächsten Jahrzehnte zementiert (manchmal sogar mit gütiger Mithilfe von Lehrpersonen in der Baukommission!).
Förderlicher Lernraum würde sich zeigen in der Aufteilung von Räumen in verschiedene Zonen. Ich beschreibe hier Beispiele, die ich selbst auch genutzt habe:
- Zone für Aktivitäten mit der gesamten Lerngruppe: Dafür ist der kommunikationsfördernde Stuhlkreis hervorragend geeignet. Hier wird besprochen, angeleitet, geplant, entschieden, gezeigt, erzählt, Feedback gegeben …
- Zone für individuelle Lernarbeit: individuelle Arbeitsplätze ohne Ausrichtung nach vorn – einsetzen von Raumteilern/Sichtschutz – es sollte möglich sein, im Tandem mit Partner oder Partnerin zusammenzuarbeiten.
- Zone für kooperatives Lernen: Diese Zone hat in der Regel keinen definitiven Platz in einem normalen Klassenzimmer, wird deshalb situativ hergestellt oder in anderen Räumen angeboten.
- Zone für situativ und fix eingerichtete Ateliers.
Für jede dieser Zonen gelten spezielle Spielregeln. Auch Aufgaben und Rollen der Lehrpersonen sind funktional auf die Idee der Zone bezogen unterschiedlich.
Das Strukturelement Raum hat noch eine andere Bedeutung in der Lernumgebung, nämlich Freiraum für Individuelles der Lernenden. Da Lernen eine sehr persönliche, individuelle Geschichte ist, geht es nicht ohne diesen Freiraum. Meist werden die strukturellen Rahmenbedingungen der Institution aber derart eng definiert, dass davon kaum etwas übrig bleibt in den staatlichen Schulen. Andere Interpretationen der Vorgaben bräuchten Mut und Solidarität von Verbündeten …
Strukturelement „Personengruppen“
Die Einteilung der Schülerinnen und Schüler in mehrheitlich jahrgangsbezogene Klassen und damit auch die Strukturierung der beteiligten Lehrpersonen (so sie sich überhaupt auch als Gruppe verstehen) ist viel zu eng. Gerade die Einteilung der Schüler und Schülerinnen nach Geburtsdatum zielt deutlich an Realitäten von Entwicklung vorbei und schafft immer wieder Probleme, die nicht nötig wären.
Trotz all dem hätte die einzelne Schule viele Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schülern unter anderen Grundsätzen zu strukturieren:
- alle Schülerinnen und Schüler einer Schule/Organisationseinheit als Grossgruppe;
- permanente Lerngruppen;
- situative Gruppen nach Interessen, nach Leistung, nach Gender, altersgemischte Gruppen …;
- Tandem, Tridem für Lernpartnerschaften;
- Einzel
- …
Der Kreativität ist auch in diesem Bereich kaum Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass die Gruppen unter funktionalen Überlegungen gebildet werden, nicht bloss: ach, ich will ein wenig abwechseln mit den Sozialformen, machen wir doch wieder mal eine Gruppenarbeit (mit einem Auftrag, für den es die Gruppe gar nicht benötigt). Auch gilt es, die von den Schülerinnen und Schülern verlangten funktionalen Verhaltensweisen zu trainieren und anschliessend zu reflektieren und Konsequenzen für die nächste Einheit zu ziehen.
Lernbegleitung
Die Lehrperson in begleitender und beratender Funktion spielt eine wichtige Rolle in einer förderlichen Lernumgebung. Dazu schreibe ich konkreter im nächsten Handlungsfeld „Orientierung ermöglichen“.
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