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Trennen von Lernen und Leisten

Kategorie: Orientierungsmodell Lern- und Förderkreis

 Die Anforderungssituationen für Lehrpersonen beziehen sich auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Funktionen und Aufgaben des Lehrberufs:

  • auf die Förderung der Ressourcen und das Lernen der Lernenden
  • … und auf die soziale Zuweisung (Selektion).

Lehrpersonen empfinden diese zwei Funktionen als widersprüchlich oder sogar als unvereinbar. Das sind sie auch. Jede der zwei Funktionen erzeugt in der anderen Störungen, Turbulenzen. Wer aber in der öffentlichen Schule arbeiten will, hat diese zwei Funktionen im Berufsauftrag und kann besser damit umgehen, wenn er sie akzeptiert und in seinem Arbeitsprozess grundsätzlich voneinander trennt:

  • Die Förderung wird in der Gestaltung der Lernzeit vollzogen.
  • Die soziale Selektion greift immer wieder auf Leistungsnachweise der Lernenden in den Leistungssituationen zurück.

Trennen von Lernen und Leisten zeigt sich:

  • im Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit: viel Zeit am Stück für das Lernen, einzelne kurze Zeiteinheiten für die Leistungssituationen.
  • im Einsetzen von je spezifischen pädagogischen Praktiken für die zentralen Anforderungssituationen Lernzeit gestalten – Lernen begleiten, Leistungssituationen gestalten.
    im Unterscheiden und funktional Einsetzen von Aufgabenformaten für Lernen und Leisten.

Mit der folgenden Gegenüberstellung kann die aktuelle Praxis einer Schule gut reflektiert und analysiert werden.

(Quelle:

Lernen - Lernzeit

Leisten - Leistungssituationen

Pädagogische Überzeugung:
  • Entwicklung: Orientierung am kognitiven, affektiven und sozialen Prozess

  • Ziel: kreative Nutzung des personalen Potenzials

  • Lernorientierung – Anwenden und Ausüben der Kompetenz.

  • Betonen der Alltagsnähe und des Lebensweltbezugs.

  • Lernen ist adaptiv, individuell und situiert.

  • Dynamische Auffassung von Lernfähigkeit, d.h. Lernfähigkeit ist angeboren – Lernentwicklung ist unterschiedlich.

Pädagogische Überzeugung:
  • Ökonomisch auf ein Produkt hin orientiert – Produkt: materieller Art, dachspezifisches Wissen, Prinzipien und Regeln.

  • Leistungsorientiert – Erwerb spezialisierter Fähigkeiten und Vorgehensweisen/Verfahren.

  • Betonen der Wissenschaftsorientierung.

  • Lernen ist linear und sach-systematisch.

  • Statische Auffassung von Lernfähigkeit, d.h. Lernfähigkeit ist ein stabiles Merkmal und nicht alle können alles.

Unterricht:
  • Anwenden und Ausüben der Kompetenz durch

    • Projekte,
    • Fächerübergreifende Aufgaben und Problemstellungen,
    • Gruppenarbeiten / kooperatives Lernen
    • prozessorientiert
Unterricht:
  • Klare Grenzziehung zwischen den Fächern – Fachunterricht – Erwerb von formalem Wissen - Spezialisierung

    • der Fächer,
    • der Themen,
    • der Fähigkeiten und Verfahren
    • produktorientiert
Autonomie und Kompetenz der Lehrperson:
  • Relative professionelle Autonomie der Lehrperson mit Handlungs- und Entscheidungsspielräumen wird benötigt.

  • Pädagogische Praxis ist weniger geeignet für externe Evaluation.

  • Implizit entwickeltes Curriculum: Pädagogische Ressourcen wie Curriculum, Lehrmittel, Unterrichts-Routinen in der pädagogischen Arbeit mit den Lernenden prozesshaft (weiter)entwickelt.

  • Lehrperson im Hintergrund: Rolle der Lernberatung.

  • Kontrollverantwortung wird verhandelt.

  • Professionelles Handeln der Lehrperson: (fachbezogene) Lerndiagnose aufgrund der Lernergebnisse eine – Fördern des nächsten Schrittes der Kompetenzentwicklung.

Autonomie und Kompetenz der Lehrperson:
  • Autonomie der Lehrperson ist eingeschränkt

  • Pädagogische Praxis ist angewiesen auf externe Regulatorien.

  • Explizit ausgewiesenes Curriculum: Pädagogische Ressourcen wie Curriculum, Lehrmittel, Unterrichts-Routinen liegen explizit vor.

  • Lehrperson im Vordergrund: Rolle der Vermittlung und Präsentation entlang des Curriculums.

  • Lehrperson ist massgebende Kontrollinstanz.

  • Professionelles Handeln der Lehrperson: Bewertungsformen und Bewertungsprozeduren sinnvoll anwenden.

Pädagogischer Raum:
  • Überall.

  • Schwache Strukturierung des pädagogischen Raums. – Pädagogische Räume sind offen – Grenzen zwischen unterschiedlichen Räumen sind aufgehoben, unscharf.

  • Es fehlen Regulatorien, die den Zugang und die Bewegungen der Lernenden einschränken – grosse Bewegungsfreiheit. – Regeln sind implizit.

  • Lernende haben grosse Gestaltungsmöglichkeiten, ihren eigenen pädagogischen Raum einzurichten.

Pädagogischer Raum:
  • Markierte Lernräume.

  • Pädagogische Räume sind klar voneinander abgegrenzt.

  • Kriterien für den Zugang und eine angemessene Nutzung des Raums sind explizit und genau festgelegt. – Regeln sind explizit.

  • Lernende haben kaum Gestaltungsmöglichkeiten, um in diesen Räumen ihren eigenen pädagogischen Raum einzurichten.

Zeit:
  • Fokus liegt auf der Gegenwart: Lernbedürfnisse und Lern-Notwendigkeiten bestimmen das Zeitbudget. – Bedeutungsvoll für Lernende ist, was sie im Hier und Jetzt lernen können.

  • Zeitplanung ist rollend, nicht fein durchstrukturiert. – Individuelle Gestaltung der Lernzeit in Abhängigkeit des Inhalts und der Lernbedürfnisse

  • --- Selbststeuerung.

Zeit:
  • Fokus liegt in der Zukunft: Es geht um die zukünftige Leitung – die Lernzeit ist auf dieses Ziel hin ausgerichtet.

  • Externe Bestimmung und Sequenzierung der Lernzeit

  • --- Fremdsteuerung.

  • Kontrolle:
  • Selbstkontrolle. - Aushandeln der Kontrollverantwortung.

  • Regeln sind implizit.

  • Möglichkeiten der Selbstbestimmung für die Lernenden. – Mitverantwortung der Lernenden.

  • Kontrolle über die Auswahl der Inhalte, die Reihenfolge der Lernschritte, das Anforderungsniveau ist bei den Lernenden.

  • Diskursive Auseinandersetzung fokussiert auf Absichten, Dispositionen, Beziehungen, metakognitive Elemente.

Kontrolle:
  • Fremdkontrolle: Hierarchische Kontrolle, Lehrperson ist massgebende Kontrollinstanz.

  • Regeln sind explizit.

  • Dominanz der Fremdbestimmung. – Lernende sind eingebettet in ein disziplinierendes Regelwerk --- Abweichungen sind sofort sichtbar.

  • Wenig Kontrolle über die Auswahl der Inhalte, die Reihenfolge der Lernschritte, das Anforderungsniveau bei den Lernenden.

  • Gebrauch von personalisierten Formen der Kontrolle und der Führung als wenig taugliche Option.

(Leistungs)Beurteilung:
  • Fokus auf das, was Lernende können, auf die individuellen personalen Fähigkeiten.

  • Empowerment: Lernenden die eigenen Stärken bewusst machen.

  • Beurteilungskriterien sind implizit: für den instruktionalen Teil (das WAS) eher diffus und implizit, für den regulativen Teil (das WIE) eher explizit und bewusst.

  • Selbst- und Fremdbeurteilung.

(Leistungs)Bewertung:
  • Fokus auf einen fehlerfrei reproduzierten Output, auf die Fähigkeiten des Einzelnen am Abstand von der richtigen Lösung.

  • Defizit-Modus: Lernende aufmerksam machen, unter welchen Bedingungen eine Leistung realisiert und anerkannt wird.

  • Bewertungskriterien sind explizit und spezifisch: Fokus liegt auf dem, was am Produkt des Lernenden fehlt.

  • Fremdbewertung.

Rückmeldung:
  • Formative Rückmeldung orientiert an sinnvollen pädagogischen Kriterien.

  • Individualnorm und Sachnorm: Fokussierung auf Sache und individuelle Voraussetzungen führt zu einer wertschätzenden Anerkennung (motivationaler Aspekt). --- Lernende interpretieren die Rückmeldung als Unterstützung.

  • Lernende brauchen eine differenzierte Mitteilung, was an der Leistung besonders gut war und welche Aspekte des Lösungsverhaltens zum Erfolg führten. – Bei Fehlern oder Misserfolg brauchen sie Kommentare, die den nächsten Lernschritt vorbereiten (ohne Präsentation der korrekten Lösung oder des korrekten Lösungsweges) und sicher keine entmutigenden Kommentare.

Rückmeldung:
  • Normative Rückmeldung als Information im Vergleich zu anderen Lernenden.

  • Sozialnorm (und Sachnorm): Fokussierung auf den sozialen Vergleich führt dazu, dass die Aufmerksamkeit von der Aufgabe auf das Selbst des Lernenden geleitet wird, dass so das aufgaben-bezogene Lernen unterminiert wird.

  • Für Lernende steht weniger die Kompetenzerweiterung im Vordergrund als das positive Abschneiden im Vergleich mit den anderen. – Leistungsorientierte Lernende wollen Rückmeldungen als normatives Feedback zur Bestätigung ihres Selbstbildes (kompetent erscheinen).










































 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vom Lehren zur Lernberatung_Tabelle

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