Mittwoch, 21.12.2022: Subjektive Theorien und Forschung
Die BZ-Medien haben sich in den vergangenen Wochen eingeschossen auf das Thema „Hausaufgaben“ im Kontext des Lehrplan 21. Da werden Eltern um ihre Meinung gefragt, auch einzelne Lehrpersonen – eine unsägliche Diskussion, die ich seit Jahrzehnten kenne, zu einem Thema, das gründlich erforscht ist und relative klare Ergebnisse liefert. Da durfte dann sogar ein Experte der PH Bern seine Meinung kundtun, was dann einen Leserbrief eines Lehrers (seit 47 Jahren) provoziert hat. Davon fühle ich mich nun auch provoziert, weil Aussagen daraus bei mir Erfahrungen aus meiner Arbeit mit Lehrpersonen in Erinnerung ruft. Erfahrungen, die Erklärungen dafür liefern, weshalb die Schule sich so schwertut mit Veränderung.
Zitat aus dem Leserbrief: Wissenschaftler der PH haben, wie so oft, ungeachtet der Schulwirklichkeit etwas Gutes im Sinn gehabt (… ). Die Idee ist durchaus ehrenwert und scheint fair zu sein. Fakt aber ist: (…)
Lehrpersonen nehmen für sich immer wieder in Anspruch, dass sie allein die Schulwirklichkeit kennen und definieren können. Dies, obwohl sie ausser ihrer ganz persönlichen Wirklichkeit häufig keine andere kennen. Wer nicht Tag für Tag „an der Front steht“ (was diese Bild aussagt, erklärt sich von selbst), darf sich nicht einmischen. Wissenschafter sind grundsätzlich Schreibtischtäter, die ohnehin keine Ahnung haben vom Schulalltag der Lehrpersonen.
Diese Theorie- und Wissenschaftsfeindlichkeit habe ich ständig erlebt als Killerargument gegen jegliche durch Forschung angesagten Veränderungen. Die persönliche subjektive Theorie geht über alles, da wächst kein Kraut dagegen. So bleibt die Schule weiterhin sitzen auf dem von Lehrpersonen definierten „Bewährten“. Die „Grammatik der Institution“ wird gefestigt und man kann weiterhin beklagen und verlangen, dass man die Lehrpersonen doch ihren Job machen lassen soll, anstatt sie beständig mit Reformen zu drangsalieren.
Ich kann das nicht nachvollziehen, weil ich mein ganzes Berufsleben lang, aus Forschung und Wissenschaft Ideen für Problemlösungen in meinem Berufsalltag generieren und integrieren konnte. Meine Kontakte mit Wissenschaftern erlebte und erlebe ich als ausgesprochen bereichernd; nach wie vor lese ich Artikel mit Vergnügen – und auch mit Ärger darüber, dass sie wenig bewirken.